Grafenau. Die Gärten ruhen noch im Winterschlaf, aber die Gartenbesitzer nutzten zahlreich die Gelegenheit, sich im Rathaus vom Leiter der Krankenhausapotheke, Dr. Otto Wiederer, über Gift- und Heilwirkung der heimischen Pflanzen informieren zu lassen.

Im bis auf den letzten Platz besetzten Bürgersaal klärte der Fachapotheker über Irrtümer und Gefahren beim Umgang mit Giftpflanzen auf. Relativ selten sind entgegen landläufiger Meinung die Vergiftungen bei Kindern. Mit neun Prozent stehen sie den 69 Prozent Vergiftungsfällen bei Erwachsenen gegenüber. Vergiftungen bei Kindern sind dabei fast immer auf Neugier und Verwechslungen zurück zu führen, während bei Erwachsenen Suizid und Missbrauch im Vordergrund stehen.

Umfassend und kurzweilig behandelte Dr. Wiederer weit über 20 heimische Gewächse. Das Wissen über Pflanzen und Drogen ist uralt, jedoch wurden die heilkundigen Frauen in Verruf gebracht oder als Hexen verfolgt und konnten ihr umfassendes Wissen nicht mehr weitergeben. So gerieten viele wertvolle Erkenntnisse lange in Vergessenheit. Jedoch besinnt sich die Medizin in neuester Zeit wieder auf die Heilwirkungen vieler "Gifte".

In der Krebsforschung sind beispielsweise Taxane aus der giftigen Eibe im Einsatz gegen Brustkrebs oder Wirkstoffe der Wolfsmilchgewächse in Salben gegen Vorstufen des gefährlichen Hautkrebses. Bekannter ist die Wirkung des Digitalis im Fingerhut gegen Herzkrankheiten, jedoch ist eine Selbstbehandlung mit Tees oft tödlich, denn heilsam sind bei allen Giften nur äußerst kleine Dosen. So auch das Colchicin aus der Herbstzeitlose, das gegen Gichtanfälle hilft, während eine Verwechslung der Pflanze mit dem sehr ähnlichen Bärlauch zum Tod führen kann.

Bei einigen Pflanzen wird erst im Körper ein Gift produziert, das zur Zerstörung der Leber führt. Auch für Tiere sind diese Pflanzen in Silagemischungen sehr gefährlich. Während die Tiere auf der Weide Beinwell, Kreuzkraut oder Pestwurz stehen lassen, können sie in gemischtem Futter diese Gifte nicht mehr wittern und sterben durch deren zerstörerische Wirkung.

Auch Zimmerpflanzen sind zum Teil gefährliche Mitbewohner. So sendet die Dieffenbachie kleine Giftpfeile aus, die auf der Zunge zu einem zeitweisen Sprachverlust führen können und im Auge empfindlich schmerzen. Hingegen ist der Weihnachtsstern fälschlicherweise als Giftpflanze bekannt.

Als Erstmaßnahmen bei Vergiftungsfällen empfahl Dr. Wiederer viel Flüssigkeit, wie Tee und Wasser, aber keine Milch, zu sich zu nehmen. Selbstverständlich sollte der Notarzt verständigt werden. Ein Herbeiführen von Erbrechen ist meistens falsch. Wenn ein Vergiftungsopfer sich von selbst übergibt, sollte man das Erbrochene mitnehmen, da das die Diagnose im Krankenhaus sehr erleichtern kann.

Kinder vergiften sich oft mit Nikotin. In Zigarettenstummeln oder Nikotinpflastern ist genug von dem Giftstoff, um die Kleinen ernsthaft zu bedrohen. Bei Gartenpflanzen ist eine Schulung und der Hinweis darauf, nichts in den Mund zu stecken, wichtig. Daher sollten auch die Eltern sich informieren, welche Pflanzen giftig und gefährlich sind. Von extrem giftigen Pflanzen wie dem Eisenhut ist in Gärten, in denen Kinder spielen, eher abzuraten.

Bei Jugendlichen ist der Missbrauch von pflanzlichen Drogen immer wieder ein Problem. Die Wirkung und Dosierung der bewusstseinserweiternden Drogen ist weitgehend unbekannt und die Gefährlichkeit wird grob unterschätzt. Ein Tee aus Engelstrompeten kann zu tagelangen Halluzinationen und so neben der direkten Vergiftung auch zu gefährlichen Verletzungen führen.

Gegen die Sucht des Rauchens ist dagegen im Moment der giftige Goldregen auf dem Prüfstand. So werden auch immer wieder neue Medikamente aus "Giftpflanzen" entwickelt.

Das Reinheitsgebot für Bier beruht auch auf der Tatsache, dass früher schwachen Bieren das Bilsenkraut beigemischt wurde, das halluzinogene Wirkung hat. Der Name "Pilsner" leitet sich davon her.

Am Ende seines Vortrags wies Dr. Wiederer darauf hin, dass eine Liste mit Pflanzen, die bei Schulen und Kindergärten nicht gepflanzt werden dürfen, eine reich bebilderte Liste aller Giftpflanzen und Notfallnummern bei Vergiftungen in der Krankenhaus-Apotheke zur Einsicht bereit liegen. Dort würden Interessierte auch jederzeit beraten.